Gefräßiges Monster Luxus

Schildkröte im Meer

Die Jahre vergingen, ich hatte mein Abi. Gott sei Dank, ich habe die Schule nämlich gehasst. Selten habe ich mich in meinem Leben so unwohl und fehl am Platz gefühlt wie in den viel zu eng erscheinenden Klassenzimmern mit engstirnigen Lehrern, die nicht verstanden haben, dass ich nicht lustlos war, sondern einfach eine individuelle Kommunikation gebraucht hätte. Aber dafür ist kein Platz, kein Geld, keine Zeit oder auch keine Leidenschaft da gewesen. Ich in mitten eines bunten Haufens wild zusammengewürfelter Leute, die alle nicht wirklich zusammengehörten. Aber durch die Vorgaben des Schulsystems sollten wir gefälligst klarkommen und die gleichen Interessen in Form von elf Schulfächern haben. Das war nix für mich. Lange vor meinem Abschluss konnte ich es deswegen nicht erwarten, endlich mit dem Arbeiten anzufangen und mein Selbstbewusstsein, das ich in der Schulzeit nicht erwerben konnte, aufzubauen und zu stärken.

Nach dem Abi habe ich logischerweise dann sofort mit dem Arbeiten angefangen. Ich habe mir selbst auferlegt: rein klotzen, sich beweisen, besser sein als andere und Überstunden machen. Mein Job war mein Lebensinhalt. Ich habe es sogar an einem Freitag bedauert, dass Wochenende war, weil das hieß: Zwei Tage nicht arbeiten.

Inzwischen habe ich viele Praktika gemacht, eine berufliche Ausbildung im Marketing, studiert und ich liebe den Berufsweg (hier gibt es mehr zum Job als Mode-Redakteurin), den ich eingeschlagen habe. Ich meine, ich liebe ihn wirklich. Ich bin froh, dass ich diesen Weg gefunden habe, auf dem ich mich maximal wohl fühle. Das ist nicht selbstverständlich, das weiss ich. Und besonders hier in Australien treffe ich viele Aussteiger, die einfach keine Lust mehr hatten auf ihren Job.

Meine Einstellung erschien mir gut. Aber dadurch habe ich eins vergessen. In all meinem Drang, mich mehr auf andere zu konzentrieren als auf mich selbst, anderen gefallen zu wollen und meine Bedürfnisse hinten anzustellen, habe ich mich selbst aus den Augen verloren. Obwohl ich immer dachte, ich würde das alles nur für mich tun. Alles andere hätte ich auch niemals zugegeben. Dafür bin ich zu stolz. Hier in Down Under mit ein wenig Abstand merke ich aber, dass ich Dinge auf meinem ehrgeizigen Weg verloren habe, die mir immer wichtig waren. Mein Lachen zum Beispiel. Ich meine nicht nur ein freundliches Lächeln, um sympathisch auf andere zu wirken. Nein, ein herzliches Lachen über kleine, unwichtige Dinge. Und vor allem über mich selbst.

Jetzt, nach über einem Monat Australien und vielen unterschiedlichen Gesichtern, die ich getroffen habe, war es aber auf einmal wieder da. Es stand vor mir und hat mich warm in seinen Arm genommen wie eine dicke Frau mit rosigen Wangen, aus deren warmer, mütterlicher Brust man sein Gesicht gar nicht mehr rausnehmen möchte, weil sie einem das sichere Gefühl gibt, aufgehoben und behütet zu sein. Ich saß da und musste einfach los lachen und konnte nicht mehr aufhören. Einfach, weil jemand im Reisebus mit offenem Mund geschlafen hat und sein Kopf bei jeder Kurve langsam zur einen und wieder zur anderen Seite glitt.

Australien ist toll, Australien ist schön, es ist atemberaubend und vor allem ist es ein Weg zu sich selbst. Man muss sich als Backpacker von sämtlichem Luxus verabschieden und besonders als Blogger ist man verwöhnt. Verwöhnt mit perfekt gewürztem Essen und den zartesten Filets, dem besten Café und den schönsten Hotelzimmern mit goldenen Macarons auf dem Kopfkissen, die kaum sanfter auf der Zunge zergehen könnten. Man gewöhnt sich an Luxus, denn Luxus ist komfortabel und wir alle sind bequem und werden gerne umsorgt, weil wir uns dann wichtig fühlen. Das Ego wird gestreichelt. Und es wird gerne gestreichelt und kann wie eine schnurrende Katze nicht genug davon bekommen.

Manchmal wenn ich hier in OZ sitze und die Snaps von Events meiner Blogger-Freundinnen angucke, beschleicht mich das Gefühl: „Da kann ich jetzt nicht sein.“ Aber ich bin hier. Und ich habe all den Luxus gegen harte Zeltböden, super schlechten Instant-Kaffee, nach Pool schmeckendem Leitungswasser und teilweise launischen Mitreisenden und „gefährlichen“ Tieren eingetauscht. Und Spinnen und Kakerlaken, die größer als ein super saugstarker Tampon sind. Da möchte man im kalten Deutschland, in seiner wohlig warmen Bubble nicht einmal drüber nachdenken. Aber je mehr ich hier vermeintlich schlechte und unluxuriöse Dinge erlebe, desto mehr entspanne ich mich. Es scheint wie ein Naturgesetz. Und all den Luxus, den ich vorher hatte, all das Betüdeln und all das Umsorgtwerden würde ich nicht zurück haben wollen, wenn ich wüsste, dass dieses herzlich warme und sich leicht atmende Gefühl in meiner Brust und das Vermögen wie ein Teenie über Quatsch lachen zu können und es mir dabei egal ist, wie ich ungeschminkt, ungeduscht, mit zwei Tage ungekämmtem Haar aussehe, für immer bliebe. Ich lache einfach. Bis ich nicht mehr kann. Oder eben bis es nicht mehr lustig ist. Egal. Aber nicht, weil ich denke, mir könnte was zwischen den Zähnen stecken.

Dieses Gefühl, das darf bleiben. Weil all der Luxus sowieso nur für’s Ego ist. Luxus muss aufrecht erhalten werden, braucht mehr Nachschub, damit er glücklich macht. Er ist ein gefräßiges, kleines Monster. Undankbar und nur vorübergehend gesättigt, ehe schon das nächste Bedürfnis um die Ecke schaut. Die wahre Freude an kleinen Momenten ist unkäuflich und endlos verfügbar. Denn kleine, unscheinbare Dinge gibt es überall. Man muss nur sein Herz für sie öffnen und sie herein lassen. Danke, dass ich diese Erfahrung machen darf und noch mitten drin bin.

5 comments

  1. Constanze

    Ein toller Bericht über das zurück erhaltende Lachen von dir. Da kann ich nur hoffen, dass deine Blogger-Freundinnen und viele andere sich das auch mal durchlesen in deinem Blog. Wahrscheinlich wissen viele gar nicht was ihnen fehlt und werden diese Erkenntnis nie bekommen. Nicht jeder kann oder möchte sich eine so lange Auszeit gönnen, aber vielleicht kann man im normalen Leben doch auch wieder so zu sich selbst finden. Irgendwie!

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    1. Vicky

      Ich kann mir vorstellen, dass es im "normalen" Leben schwieriger sein kann, da man nicht unbedingt einen neuen Input bekommt und deswegen nicht die nötige Distanz aufbauen kann und das Gefühl des Abschaltens sich nicht so richtig einstellt. Aber wie du bereits richtig sagst, kann es durchaus sein, dass einige gar nicht wissen, dass etwas "fehlt" und sich deswegen nie auf die Suche machen. Weder zu Hause, noch woanders. LG, Vicky

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  2. ilovetravelling

    Ich liebe deine Artikel und deine Ehrlichkeit, die in jedem davon steckt. Während du dir die Blogger-Event im Netz anguckst, gucken die anderen deine Australien-Fotos an und wünschten, sie könnten dort sein. Ich bin mir sicher, dass die Zeit dich bereichern wird und das beste: Sie kann dir keiner nehmen! Ich wünsch dir weiter eine gute Reise und freu mich auf spannende Posts und Fotos! Lieb grüß, Katrin von ilovetravelling

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    1. Vicky

      Das freut mich, vielen lieben Dank, solch ein lieber Kommentar motiviert doch sehr, mit dem Bloggen weiterzumachen :-) Seitdem es so viele andere Blogs gibt, fragt man sich nämlich manchmal, ob man da denn auch noch unbedingt mitmischen muss. Aber vielen lieben Dank für die netten Worte :-*

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  3. Kat

    Hi Vicky,

    genau diese Erfahrungen habe ich auf meinen Reisen in Südostasien gemacht.. ich glaube, es hängt letztendlich nicht vom Ort ab. Ob es nun Australien, Thailand oder Ecuador ist. Wovon diese Erfahrungen abhängen, ist dass man sich in eine relative konsumfreie Blase begibt. Man ist gezwungen, so wenig wie möglich zu besitzen. Und je weniger man besitzt, desto mehr merkt man, dass man auch gar nicht so viel braucht. Gerade komme ich aus drei Wochen in Thailand wieder. Ich war zwei Wochen davon auf der Insel Koh Tao, wo es zwar mittlerweile eine echt gute Infrastruktur gibt. Aber perfekt gewürztes und gekochtes Essen, oder Kaffee mit Latte Art, oder Modeboutiquen oder Apple Stores (Etwas zu meinem Leid! Mein Macbook-Ladegerät hat sich nämlich dort verabschiedet. Konnte zum Glück eins ausleihen, bis ich wieder am Festland war) gibt es da eben nicht. Und man lernt, dass das alles auch gar nicht so wichtig ist. Es ist eine unheimlich tolle Erfahrung, so etwas zu lernen. Und ich bin froh, dass du das nun auch tust. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich das sogar schon fast vorher gesehen... :) Auch, dass du in Hostels enden würdest, dachte ich mir. Auch wenn du am Anfang noch beteuert hattest, dass du die nicht so magst (wir hatten eine kurze Snapchat-Unterhaltung, wo ich dir Hostels gegen Einsamkeit empfohlen hatte). Sie sind nicht nur ein tolles Medium um Menschen kennenzulernen und Einsamkeit beim Reisen zu vermeiden. Sie lehren einem auch einiges über Luxus und wie wenig man ihn braucht. :)

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