Sich fremd fühlen

diary-post-vickywanka-sich fremd fühlenAbhauen, alle Sorgen daheim lassen und das Leben in vollen Zügen genießen – so habe ich mir meine drei Monate in Australien vorgestellt. Doch ganz so easy wie sich das anhört, wurde es mir dann doch nicht gemacht. Was ist passiert? Ganz einfach: Die Realität.

Ich habe viel gearbeitet, gespart, meinen Blog aufpoliert und nun nach mehr als einem Jahr meinen Wunsch, mehrere Monate im sonnigen Ausland zu verbringen, wahr gemacht. Darauf bin ich stolz. Denn mir wichtige Jobs und Freunde bleiben at home bzw. müssen vertröstet werden. Ich bin stark, dachte ich mir. Denn nichts ist schöner, als die Freude, die man verspürt, wenn man neue Dinge entdecken kann. Dinge, die man als alte Frau irgendwann mal seinen Enkeln erzählt.

Nun bin ich hier bei meinem ersten Stop in Melbourne angekommen. Der Strand ist vor der Tür, eine Millionenstadt, die erkundet werden will natürlich auch. Alles toll, könnte man meinen. Doch meine romantische Vorstellung von Palmen und Sonnenuntergängen mit einem wohlig warmen Gefühl der Entspannung im Bauch, wollte sich bei mir in den ersten Tagen nicht so richtig einstellen.

Stattdessen war ich unzufrieden, nörgelig, reizüberflutet, müde, angespannt, schlaflos in der Nacht und zu einfalls- und antriebslos, um mir einen konkreten Plan für meine Zeit hier auszuarbeiten. "Was ist bloß falsch bei dir, Vicky?", habe ich mich selbst gefragt. Denn andere träumen ewig von so einer Zeit. Ich ja auch. Sollten Träume manchmal doch lieber Träume bleiben?

Klar, einen Jetlag hat man halt. Das ist auch einfach immer kacke. Aber vor allem habe ich eine Sache komplett unterschätzt: Das Reisen ganz alleine. Das bedeutet nämlich, ein hohes Maß an Disziplin und Eigeninitiative haben zu müssen. Morgens aufzuwachen und sich selbst zu motivieren, die unbekannte Stadt zu erkunden, ist einfacher gesagt als getan, wenn niemand dabei ist. Und obwohl ich wegen der Zeitumstellung automatisch sehr früh wach bin und mich aufmache, fällt mir nach einigen Kilometern des Erkundens auf, dass ich das Erlebte mit niemandem teilen kann. Ja, dafür gibt es das Internet. Aber das mobile Tor zur Welt ist kein Begleiter aus Fleisch und Blut und somit was komplett anderes. Eine direkte Reaktion von jemandem, der das selbe riecht, schmeckt und fühlt, bekomme ich auf meiner Reise nicht. Ich kann den unmittelbaren Moment nicht mit meinen liebsten Menschen teilen, weil sie einfach mal am anderen Ende der Welt sind, weil ich es bin. Und dann kommt dieses fiese Gefühl aus der hintersten Ecke gekrochen. Ein gemeiner, kleiner Gedanke, den man sich am liebsten gar nicht erst eingestehen würde: Ich bin grad ganz schön allein.

Alleinsein, Fremdsein, keine Alltags To Dos. Habe ich mir das mit dem Reisen ohne Begleitung so vorgestellt? Ne! Definitiv nicht. Ich muss geduldiger sein, sagen liebe Menschen im fernen Deutschland. Auch ihr. Doch wenn man müde und erschöpft vom langen Flug ist, verschlingen solche Downs diese Lichtblicke mit einem Haps.

Sich Zeit nehmen, Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten – das wird wohl mein Mantra für die nächsten drei Monate sein. Durch meinen Job als Bloggerin fällt mir das natürlich noch etwas leichter als anderen. Denn ich habe eine Aufgabe. Und sich selbst einen Wohlfühlfaktor zu schaffen, der eine Regelmäßigkeit bringt und nicht abhängig von anderen ist, ist eine gute Basis für eine glückliche Zeit ganz ohne die gewohnten Menschen um sich herum.

Zwar hat sich bei mir in den ersten Tagen trotz des Blogs nicht so richtig das ersehnte Glücksgefühl eingestellt. Dann habe ich aber mit regelmäßigem Sport am Strand angefangen. Für mich persönlich ist Sport am Strand ein großer Wohlfühlfaktor. Das solltet ihr auch unbedingt versuchen, wenn es euch mal so gehen sollte wie mir.

Ich habe auch kurz mit Christine von Lilies Diary darüber gesprochen, da sie ja oft und viel alleine unterwegs ist. Sie hat mir mit auf den Weg gegeben, dass man zwar alleine unterwegs, aber dabei ganz und gar nicht einsam ist. Da hat sie definitiv Recht. Denn wie bei allen Dingen ist auch diese neue und ungewohnte Situation eine Frage der Einstellung. Und nach den ersten drei schlimmen Jetlagtagen geht es mir inzwischen auch echt gut. Rausgehen, aktiv sein, Aufgaben finden. Eines ist mir jetzt schon klar geworden: Wartet man beim Reisen darauf, dass etwas passiert, was einen glücklich macht, dann kann man lange warten. Es macht natürlich immer mehr Spaß, Erfahrungen teilen zu können. Aber ich bin mir sicher, wenn man einfach raus geht, mit Leuten quatscht und seine Zeit beispielsweise durch das Buchen von Touren strukturiert, dann wird das Reisen mit sich selbst wahrscheinlich zu einer der intensivsten Erfahrungen, die man je hatte und jemals haben wird. Es ist die eigene Entscheidung. Und ich entscheide mich definitiv für die "time of my life"-Variante.

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16 comments

  1. Constanze

    Jeder der sagt, man kann aus seinem Leben ausbrechen und Sorgen und Nöte daheim lassen, der lügt. Man kann es kurzfristig vergessen, weil man u. U. viel sieht und erlebt, aber das Gepäck in Herz/Kopf/Seele bleibt. Vielleicht bekommt man auf manche Dinge eine andere Sichtweise und das kann ja auch hilfreich sein. Neues sehen und erleben ist auf jeden Fall positiv zu bewerten und vielleicht triffst du neue Freunde, mit denen du dort teilen kannst.

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  2. modelovers

    Meine Liebe,

    ein ganz toller Post und das Alleinsein ist manchmal ganz schön schwer, ich habe diese Erfahrung auch gemacht und musste mich in meine neue Situation auch erst mal rein finden. Ich denke ganz fest an dich und freue mich immer wieder über deine tollen Bilder in Australien :). Tanja

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  3. Susanne

    Hallo Vicky. Wer macht denn jetzt eigentlich deine Fotos wenn du allein unterwegs bist? Das Bild sieht viel zu schön aus, alsdass es von ein dahergelaufener Touri geknipst worden wäre ;-)

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      1. Ka

        Das hatte ich mich ja auch schon gefragt! :)
        Ich wünsche Dir auf jeden Fall eine tolle weitere Reise! Das war jetzt vielleicht Schritt 1 zur Selbstfindung. ;)

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    1. Vicky

      Ja, teilweise ja, ab und zu ist es aber doch noch recht einsam. Ist halt eine neue Erfahrung. Und ganz bald werde ich hoffentlich sagen können, dass es super ist!

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  4. Verena

    Liebe Vicky, ich finde es klasse, dass du deine Gedanken teilst und vielleicht hilft dir allein schon das Niederschreiben etwas. Viele werden dich für deinen Mut bewundern, so auch ich, denn ich hab mich eine Reise alleine bisher noch nicht getraut! Drum halte versuch es soweit es geht zu genießen und schöpfe Kraft aus den tollen Dingen die du erlebst! Ich verfolge gerne deine Snaps, wie viele anderen...Allein bist nicht! Übrigens hatte das süße Einhorn viele tolle Überraschungen und ich bin immer noch begeistert! Ich drück dich! Liebste Grüße, Verena

    http://www.somehappyshoes.blogspot.de

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